Polar Herzfrequenzmesser unter Linux

08 02 2007
Wer braucht sowas? Nun ich zum Beispiel. Die meiste Zeit verbringt mein iBook unter linux und dann will ich dort auch meine Trainingsauswertung haben.
Leider halten die bekannten Hersteller wie Polar oder Suunto wenig von Leuten, die was anderes als Windoof benutzen wollen.

Das man auch als Sportler auf open source software setzen kann, soll dieser Artikel zeigen.


Die Problematik

Die Hersteller von Herzfrequenzmessern scheinen sich nicht darüber bewußt zu sein, daß sie mit ihrer Haltung von vorneherein eine Menge Kunden vergraulen. Nicht gerade selten hört man, daß Leute einen Ciclosport verwenden wegen der, zwar auch inoffizillien, guten Unix Unterstützung.
Darauf angesprochen, bot mir ein Suunto Vertreter Virtual-Pc an, daß ich ja unter OSX laufen lassen könne. Das ist für Mac User zwar im Allgemeinen die "Lösung", aber es kann ja nicht Sinn der Sache sein, eine Windows Emulation für einen Herzfrequenzmesser einsetzen zu müssen. Da ist Ciclosport dann nicht nur vom Gerät her günstiger.
Natürlich kann man verstehen, daß die Firmen ihre Software nicht als Open-Source Software zur Verfügung stellen. Herzstück der Suunto Software sind "geschütze" Algorithmen, aber es bleiben ja durchaus noch weitere Möglichkeiten Benutzer, die alternative Systeme einsetzen, zu unterstützen.
So stellt es doch eigentlich kein Problem dar Kommunikationsprotokolle der Geräte Entwicklern kosternfrei zur Verfügung zu stellen.
Bei der Präsentation des Adidas/Polar Trainingssystems in Kassel 2005 nutzte ich die Gelegenheit Polar Deutschland Chef Dierk Feyerabend auf diesen Punkt anzusprechen.
Der heranzitierte Technikbeauftragte antwortete: Man wolle nicht, daß Drittsoftware, die nicht lizenziert ist, mit Polar in Verbindung gebracht wird, falls diese Software nicht den Qualitätsanforderungen entspreche.
Ergo: Es rechnet sich noch auf gewisse Kundenpotentiale zu verzichten und statt dessen mit Softwarelizenzen Geld zu verdienen. Immerhin hat Polar inzwischen die Dateiformatdokumentation frei verfügbar gemacht.


Die Alternative: Was ist mit open source softare mittlerweile möglich?

Dank s710 und Sportstracker so ziemlich alles, was man täglich mit der Polar unternimmt.

Dave Bailey ist es gelungen das Protokoll der S710 zu dekodieren. Viele andere Geräte mit IR Port funktionieren auch, so wie die S625X.
Das ganze kommt als Kommandozeilen-Tool oder Daemon daher und ist daher etwas rudimentär.
Das Herunterladen der Trainingsdateien mittels Polar USB Interface geht dabei folgendermaßen von statten:
"s710sh -d usb"
liefert die Kommandoshell. Mit einem
"get files"
werden die Trainingsdaten aus der Uhr ausgelesen.
Es stehen weitere Kommandos für die übrigen Gerätefunktionen zur Verfügung. Erwähnt sei hier noch das
"hard reset"
, Teil des Kommunikationsprotokolls, aber über die PPP nicht nutzbar, das schon so manchen totgeglaubten HF-Messer, der auch nicht mehr auf die Resettaste reagierte, wieder zum Leben erweckte.
s710 ist lediglich zum Zugriff auf Modelle mit Infrarotübertragung zu gebrauchen. Software für die RS Serie befindet sich jedoch schon in der Entwicklung und ist bereits nutzbar. Näheres zu diesen Projekten findet sich im Forum bei Dave Bailey.
s710 läuft übrigens auch unter Mac OSX.
An die Trainingsdaten kann man also recht problemlos gelangen. Doch dann stellt sich die Frage, wohin damit?

Zur Trainingsauswertung bietet sich Sportstracker von Stefan Saring an.
Entwickelt für die Mono Plattform, sollte es auf den POSIX Plattformen zum Laufen zu bringen sein.
Abgesehen von der Systemabhängigkeit, ist es aber auch vom Endgerät unabhängig.
Sportstracker ist eine reine Trainingslog Software. Damit eignet es sich nicht nur für verschiedene HF-Messer, sondern auch für nicht ausdauerorientierte Sportarten. Diese lassen sich recht flexibel anlegen.
Trotzdem kann Sportstracker HRM Files von Polar oder Ciclosport Geräten importieren und anzeigen.
Sportstracker bietet keine " höheren" Funktionen wie Conconi-Test Auswertung oder Ähnliches. Im beihnahe täglichen Gebrauch fehlt mir soetwas allerdings auch nicht.
Dafür bietet Sportstracker etwas, was ich bei der Polar Software niemals hinbekommen habe: Die Kilometererfassung pro Laufschuh. Das ist immer eine gute Möglichkeit rechtzeitig festzustellen, wann ein Schuh "durch" ist. Sportstracker bietet hierzu eine ganz simple Möglichkeit. Das Kommentarfeld zur Trainingseinheit läßt sich nach beliebigen Begriffen ( in diesem Fall eben nach dem Schuhnamen ) filtern und darüber eine Statistik erzeugen. So erhählt man nicht nur die gewünschte Information über die Gesamtkilometerzahl, sondern auch z.B. den Durchschnittspace pro Schuh. Oder die durchschnittliche HF bei Regen, sofern man die Wettersituation im Kommentarfeld erfaßt hatte. ;-) Nicht, daß dies für irgendjemanden relevant wäre.
Einige Abstriche in der Bedienbarkeit gegenüber der Polar Software muß man allerdings hinnehmen. Nach dem manuellen Herunterladen der Daten über "s710" müssen diese auch manuell, Datei für Datei, in Sportstracker importiert werden. An einer Synchronisierung, die auf s710 oder anderen "backends" aufbauen soll, wird allerdings schon gearbeitet. Ich zumindest vermisse die PPP-Software nicht und erfasse mein Training nur noch über Sportstracker.


Und sonst?
Es gibt zwar noch einige andere open source Projekte im Bereich Polar-Herzfrequenzmessung , aber keine ist wirklich komplett. Erwähnt sei hier allerdings noch PPPSW-Online. Dabei handelt es sich jedoch um eine Web-Anwendung ( die man natürlich auch auf einem lokalen web-server laufen lassen kann ). Die Software ist recht vollständig und bietet sehr interessante Reports. Vielleicht eine Alternative, wenn man den server-overhead nicht scheut, oder aber seine Daten gerne online hat, um überall darauf zugreifen zu können. Allerdings bietet Polar ja auch selbst diverse Online-Portale an.


Das Fazit
Polar Geräte sind mittlerweile sehr wohl von Linux Nutzern nutzbar. Bei anderen Unix Plattformen muß überprüft werden, ob eine Mono/.Net vorhanden ist und ob s710 mit dem jeweiligen usb-sub-system läuft. Dann steht auch hier dem Spaß nichts im Wege.
Unter Mac OSX läuft die obige Lösung zumindest zufriedenstellend.
Bedanken kann sich Polar allerdings bei Dave Bailey und Stefan Saring. Ohne deren Bemühungen hieß es immer noch "windows only".
Nun wäre Suunto am Zug. Da hier aber leider die "Logik" in der Auswertungsoftware und weniger in der Hardware zu finden ist, wird wohl kaum eine open source Software in der Lage sein den Funktionsumfang einer Suunto T6 zu nutzen.


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