Manchmal läuft es nicht rund: Bericht zum 5. Muselduathlon

12 09 2005
Viel hatte ich mir für den Muselduathlon vorgenommen. Was mir als Langstreckenläufer an Spritzigkeit im Lauf fehlt, sollte doch auf einer profilierten Radstrecke von 100km Länge, die sehr meinem Trainingsgebiet Siebengebirge/Westerwald entspricht, auszugleichen sein.
Tja, dann kam alles anders...
Bei der Anreise hatte ich mich zunächst ordentlich verfahren. Damit ging der Tag schon gut los. Gut 50 Minuten vor dem Start und ich komme gerade erst in Luxemburg/Grevenmacher an. Da war Laufschritt gefragt. Zum Check-In an der Wechselzone bin ich dann schon auf dem Rad gerollt. Eine viertel Stunde vor dem Startschuß stand meine Maschine dann in der Wechselzone, nachdem ich es am strengblickendem Schiedsrichter vorbei geschafft habe. Er hat sogar den Helm auf Bruch, die Schuhplatten auf Halt und die Bremsen auf Funktion überpüft. Ist mir in Deutschland noch nie passiert. Blöd, wenn man es eilig hat, andererseits sind ja genau dazu Schiedsrichter da, es geht ja schließlich um die Sicherheit der Athleten.
Kurz vor halb eins, es ist schon ordentlich warm und alle werden langsam nervös. Da läuft ein Offizieller durch die Meute und verlangt auf Deutsch und Französich die Nummer 113. "Du hast einen Platten!" Arme Sau, denke ich mir noch. Dann fällt der Startschuß.
Für einen 10'er komme ich anfangs nicht gut weg, nach gut 1,5km habe ich aber freie Bahn. Trotz der Hitze läuft es gut. Der erste Lauf ist in 39:28 erledigt, das lief gut. Rauf auf's Rad, der Wechsel ist auch ok.
Auf der Flachstrecke an der Mosel entlang wollte ich immer Vollstoff geben und dann sehen, wieviel "Schnitt" ich in den Bergen wieder hergeben muß. Bei optimalem Verlauf hatte ich einen 36'er Schnitt kalkuliert, für eine Zielzeit bei 4:30-4:40, um eventuell noch den 3. MHK zu machen.
Trotzdem meine Flucht auf dem Rad gut läuft, merke ich direkt auf der ersten Runde, daß das heute nix wird. Der Wind ist ordentlich, hat schon auf der Laufstrecke gestört, aber auf dem Rad an der Mosel entlang ist man ihm gnadenlos ausgeliefert. Lediglich in einem kleinen "Knick" der Uferstraße läuft es mal ungehemmt, bevor man wieder in den Wind dreht. Dazu kommt ein rauher Asphalt, besonders in den Baustellenbereichen, die man passieren muß.
Jedes mal, wenn ich mal gerade auf 41,42,43 hochgekämpft habe bremst mich der Belag wieder aus, der Wind tut sein Übriges. "Zack" und das Tempo ist wieder bei 36 km/h, boah das schlaucht! Na gut, den Anderen geht es auch nicht besser. Irgendwo unter den Top 50 muß meine Position sein. Als 47. bin ich aus dem ersten Lauf gegangen und habe auf der Radstrecke schon einige Leute eingesammelt.
Auf geht's in die Berge. Es geht schon gut steil bergan, normalerweise fahre ich viel im Sitzen, hier im Wettkampf gehe ich bald in den Wiegetritt bei 39/21 und teilweise in engen Kurven auch auf 39/23 über ( mein Rückenmuskulatur wird mir am folgenden Montag erzählen, wie ungewohnt das für sie war ). Auch wenn es schlaucht, eigentlich gefällt es mir, denn das ist ja mein "Heimatprofil". Ich kann auch wieder ein paar Plätze gutmachen. Platz 30 kann gar nicht so weit entfernt sein. Die ganze Zeit geht es bergan, entweder als steile Rampe, oder wo es "flach" ist, kleine Wellen wie im Westerwald, bei denen man nie weit über 30 km/h kommt. Ist schon recht anspruchsvoll. Was aber wirklich nervt: Selbst oben in den Weinbergen ist es windig. Auf einer kurzen Abfahrt muß ich bei Tempo etwas über 60km/h schon auf mein Hinterrad aufpassen, daß beständig weggedrückt wird. Im Sturzflug geht es schließlich zur Mosel runter und wieder Richtung Wechselzone/Wendepunkt in die 2. von insgesamt 4 Radrunden.
Auf der zweiten Radrunde ist der Wind nicht besser sondern schlimmer geworden. Den 36'er Schnitt begrabe ich. Ich nehme mir vor mich auf einen 33-34'er Schnitt zu konzentrieren. Das ist ein realistisches Ziel und es läuft ja nicht schlecht. Ich werde nur 2-3mal überholt, bis auf Einen fange ich aber alle ein paar Meter weiter wieder. Ich bin nicht der Einzige, dem der Wind rauh entgegen bläßt.
So läuft das ganz gut bis in die vierte und letzte Radrunde. Die Berge schlauchen zwar langsam, aber es geht noch was. Langsam geht es an die Willensreserven. Direkt nach der Wende in die vierte Runde nehme ich mir vor eine harten Tritt an der Mosel zu fahren, um mit Speed in die Berge zu gehen ( 34'er Schnitt soll es bis dahin sein ). Dann mit Kraft und Willen ein letztes Mal über die Berge und auf der Abfahrt und dem Flachstück bis zum 2. Wechsel dann den Schnitt wieder hoch auf 34km/h kriegen. So weit, so gut. Der Schnitt liegt bei 33,2. Ich weiß ich kann das schaffen!
Ich geb alles im Wind, der Hinterbau wankt ordentlich unter der Last der Antritte, wenn's mal wieder rauh wird, Tempo immer über 40km/h an der Mosel entlang. Dann passiert es:
Ich rolle durch einen Baustellenabschnitt, trete wieder mit Kraft an und hab dieses Gefühl auf Eiern zu rollen. "Shit!" brülle ich, ziehe rechts raus, das verstehen auch meine beiden Verfolger. Ich seh's direkt: Der 3. Schlauchdefekt eines Schwalbe-Schlauchs innerhalb von vier Wochen. Unabhängig von der Laufleistung immer in derselben Situation: Tempo über 40km/h und rauher Asphalt. Und wieder ist kein Loch zu sehen, die Oberfläche ist porös geworden, der Schlauch muß mehrere Minuten lang die Luft verloren haben. Ich kauf den Schrott nie wieder!
Naja, alles fluchen hilft jetzt nichts. Nur der eine Gedanke: "Dein Rennen kannst du vergessen, aber willst du finishen?" Also mache ich mich ans Basteln. Ich hab gerade das Hinterrad draußen, da fliegt das gesamte Verfolgerfeld, 30-40 Teilnehmer, vorbei. Kurze Zeit später nochmals mindestens 15 auf einen Schlag. Und zwischendrin immer wieder Einzelne. Meine Stimmung ist im Arsch. Aufbauen tut einen nur, daß man Jedem am Blick ablesen kann, daß sie am Liebsten helfen würden, wenn sie dürften. Das geht mir selber auch immer so. Einen Defekt im Wettkampf wünscht man Niemandem. Ein netter Zuschauer auf einem Rennrad hält auch noch an und fragt, ob ich alles dabei habe. Hab ich und ich dürfte die Hilfe ja eh nicht annehmen. Aber das meine ich: In so einer Situation darf man nicht aufgeben, alleine schon, weil Wildfremde wirklich mitleiden. Ist wie beim Marathon, wo es jedem am Ende irgendwie nicht mehr gut geht, aber man bringt sich da gegenseitig durch.
Natürlich fliegt beim ersten Pumpstoß aus der CO2-Patrone auch noch der Ersatzschlauch runter. Supi! Da sind eh nur maximal 8Bar drin, meine Wettkampfslicks fahre ich bei 9,5. Und während ich da so im Wind stehe, über meinem Kram gebückt, merke ich zu allem Überfluß noch, die die Muskulatur hart wird. Toll!
Als ich ein paar Minuten später wieder alles zusammen habe, glaube ich der Letzte auf der Strecke vor dem Besenwagen zu sein. Stimmt zum Glück nicht. Und langsam beginne ich auch Einzelne wieder einzusammeln. Über die Berge mit Willenskraft? Davon ist nicht mehr viel übrig. Und ich merke, wie die Muskeln unter der Zwangspause in gekrümmter Haltung gelitten haben. Jetzt bin ich froh das 25'er Ritzel doch drauf zu haben, ich hätte nicht gedacht, daß ich es brauchen werde.
Bergab geht's noch schlimmer. Wen ich am Berg eingesammelt habe, überholt mich in der Abfahrt. Mit dem geringen Druck im Hinterrad ist es verdammt schwierig durch die Kurven zu kommen. Ich bete nur, daß ich wieder in die Wechselzone komme.
Komme ich. Der Schnitt: 29,66. Ich fahre meine 100km Strecke im Training schneller. Und die hat fast doppelt soviel Höhenmeter. Autsch! Als 47. aus dem ersten Lauf, als 112. vom Rad. Jetzt zählt nur noch ankommen. Ich laufe gut los, keine Probleme, 4:00 Pace und Herzfrequenz perfekt bei 88% HFmax. Den Großteil der ersten 3km Runde über fühle ich mich wohl. Dann melden sich die Muskeln im rechten Bein, die auch schon auf dem Rad gezogen haben. Es ist kein Krampf, keine Ahnung, das Bein hat nur irgendwie keine Lust mehr, wird schwer, die Muskeln hart. Egal! Ich will ja eh nur ins Ziel. Also gehen, trinken, trinken, trinken, weiter gehen, irgendwann wieder traben. Zwei Runden lang geht es so weiter. In der letzten Runde schaffe ich es endlich wieder ( langsam ) zu laufen. "Langsam solltest du mal ins Ziel kommen", denke ich mir. Mein Schwesterchen, die mich begleitet hat, wartet schließlich schon lange.
Nach 5:05:17 hat das Leiden dann ein Ende. Fast 64 Minuten für die zweiten 12km! Im Training laufe ich die "große Brückenrunde" in Bonn ( fast 15km ) unter 58min. Als Anschlußlauf nach 60-100km Rad immerhin noch in gut 61min. Schneckenexpress.
Das allerbeste an diesem Tag: Den defekten Schlauch habe ich wieder mit in die Wechselzone geschleppt, weil ich ihn nicht irgendwo in die Pampa werfen wollte, meine Airgun CO2-Pumpe habe ich natürlich verloren.
Naja, irgendwie bin ich stolz auf diesen verkorksten Wettkampf, denn ich hab mich nicht unterkriegen lassen. Als 112. vom Rad und noch auf den 87. im 2. Lauf vorgekämpft, gesamt immerhin noch 93. Numquam omittere!

Um zum Ende zu kommen:
Der Wettkampf in Luxemburg ist genial. Angefangen mit der schönen Radstrecke, der Polizeiregelung an gefährlichen Stellen ( sogar Polizeieskorte der größeren Gruppen ) über die Verpflegung im Wettkampf, sowohl im Lauf als auch auf der Radstrecke, bis hin zur 1A Zielverpflegung: Der Duathlon in Luxemburg ist jeden Euro wert ( 35€/40€ 2005; Wahnsinnspreis, wenn man sieht, was bei uns eine Kurzdistanz kostet! ). Sowas gibt es in ganz Deutschland nicht. Ein Muß!


Trackbacks


Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: (Linear | Verschachtelt)
Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben


Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.
Um einen Kommentar hinterlassen zu können, erhalten Sie nach dem Kommentieren eine E-Mail mit Aktivierungslink an ihre angegebene Adresse.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA



Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!